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Wie ich lernte, mich von meiner Wohlfühl-Oase zu verabschieden

Von Miriam Richter.

Die Frühschicht an diesem Morgen begann wie jede meiner unzähligen Frühschichten am Newsdesk. Nachrichtenlage checken, Agentur abarbeiten, Mails beantworten, Newsletter versenden, Facebook bespielen. Dann der Anruf einer Kollegin. In Heide rennen zwei Wildschweine durch die Innenstadt, sie hätten bereits Menschen verletzt und Geschäfte demoliert.

In dieser Situation tut man das, was man als Journalistin gelernt hat. Ich holte meine Online-Redaktionskollegen ins Boot, verteilte die Aufgaben, rief meine Lokalkollegen an, unsere Fotografen, informierte das Videoteam. Kurz gesagt: Ich wusste wie der Hase lief. Denn ich bewegte mich im Newsroom, meiner Wohlfühl-Oase, auf sicherem Gebiet und spulte meine erlernten Arbeitsabläufe wie immer in solchen Fällen ab.

Das Leben ist kein Ponyhof…

Ein halbes Jahr später sah die Situation plötzlich ganz anders aus: Als mein Chef Joachim Dreykluft mich fragte, ob ich mir vorstellen könne, mit in die neue Forschungs- und Entwicklungsabteilung nach Hamburg zu gehen, musste ich nicht lange überlegen. Ich mag es, neue Dinge zu lernen und ich mag Herausforderungen. Mir war klar, dass es ein komplett anderes Arbeiten werden würde als in einem Newsroom. Ich bewarb mich und wurde KPI-Master in der neuen Einheit. Meine Aufgabe ist es, unsere Projekte mit Zahlen, Auswertungen und Umfrageergebnissen zu begleiten und somit eine Orientierung für die weitere Entwicklung zu geben.

Ich hatte Bock auf den Job und ich wusste auch, dass es mit vielen Umstellungen einhergehen würde. Allerdings hatte ich das neue Arbeiten doch etwas unterschätzt: Neuer Standort, neue Kollegen, eine komplett neue Arbeitsweise, eine neue Denkweise, neue Methoden. Sehr viel Neues auf einmal. War es zuviel?

… und keine Blumenwiese

Am Anfang ja, zumindest für mich. Der Hase lief auf einmal nicht mehr. Ich arbeitete anfangs in zwei Jobs, da ich meinen Nachfolger in Flensburg auf eigenen Wunsch noch einarbeiten wollte. Ich fuhr also zweimal die Woche nach Hamburg und die anderen Tage nach Flensburg, größtenteils mit Schichten und Wochenenddiensten. Das war Wahnsinn. Vom Biorhythmus mal ganz zu schweigen.

Ich hing also zwischen zwei Welten, der alten und der neuen, der bekannten und der unbekannten. War überall dabei, aber nirgends mehr so richtig. Ich fühlte mich verloren und konnte mich auf nichts so richtig fokussieren.

Mein Gehirn war mit den Neuerungen beschäftigt

Dann war März. Ich war endlich nur noch in Hamburg. Alles war neu und aufregend und wir alle waren motiviert. Hatten Ideen und Pläne – die manchmal nichts wurden, weil wir einfach noch zu wenig Ahnung hatten. Wir rannten manches mal in eine Sackgasse, etwa, wenn wir merkten, dass wir für das, was wir herausfinden wollten, die falsche Methode gewählt hatten.

Und auch ich war ein ums andere Mal verzweifelt, weil ich zwar wusste, was ich haben wollte, aber nicht, wie ich es bekomme, weil mir dafür noch die Tools und Instrumente fehlten.

Ich bin ein strukturierter und organisierter Mensch, der gut priorisieren kann. Und diese Punkte waren am Anfang in unserer Arbeit kaum vorhanden. Es machte mich fertig, weil es ungewohnt war und mir Unsicherheit vermittelte. Ich hatte schlaflose Nächte. Viele schlaflose Nächte. Meine Denkweise war eine ganz andere und mein Gehirn war irgendwie damit beschäftigt, mit den Neuerungen klar zu kommen.

Jetzt bitte die Taschentücher herausholen: das Happy End!

Ich klinge sehr verzweifelt? Keine Sorge, das bin ich nicht. Meine Geschichte hat ein Happy End.

Was geholfen hat, ist Zeit. Zeit, uns als neues Team zu finden und kennenzulernen. Zeit, unsere Fähigkeiten besser einzuschätzen. Und Zeit, uns viele neue Methoden anzueignen, anzuwenden und herauszufinden, was wir wo am besten einsetzen. Außerdem habe ich mich mit Leuten unterhalten, die sich in meinem neuen Bereich gut auskennen und die mir hilfreiche Tipps gaben, sodass ich mein eigenes Kennzahlen-System für unser Lab aufgesetzt habe.

Und zuletzt – ich selbst. Ich brauchte einfach die Zeit, mich an die neue Arbeitsweise zu gewöhnen. Es gab Zeiten, da dachte ich, es würde nicht geschehen. Aber Tschaka, es hat geklappt! Ich habe noch mehr gelernt, offen und geduldig zu sein. Und vor allem: Ich habe gelernt, mich auf das Neue einzulassen.

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