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Personas – Warum es sich lohnt, René Popcorn kennenzulernen

Von Philipp Dudek.

Am Ende haben wir ihn René Popcorn genannt. René heißt natürlich weder René noch Popcorn, aber der Name passte einfach.

René ist einer von mittlerweile fast 40 Menschen, die wir im Rahmen unserer Nutzerforschung ausführlich interviewt haben. Wir haben dafür einen Leitfaden entwickelt, den wir im Laufe der vergangenen Monate auch schon etwas überarbeitet haben. Die Interviews werten wir in Zweier- oder Dreier-Teams aus.

Wir fragen nach Interessen, Sorgen, Ängste, Vorlieben. Wir interessieren uns für Hobbys, Lebensumfelder, Jobs und Haustiere – und natürlich für die Mediennutzung unserer Interview-Kandidaten. Zwischen 30 und 120 Minuten kann so ein Gespräch dauern. Wir haben die Menschen in ihren Wohnungen in Rostock, in Cafés in Osnabrück, an ihrem Arbeitsplatz in Flensburg oder bei uns im HHLab getroffen.

René kam zu uns ins HHLab. Und ich hatte das Glück ihn zu interviewen. Es war … besonders.

„Ich werde gerne gefragt“

René ist 58 und fest davon überzeugt, dass er 100 Jahre alt wird. „Dann ist aber auch gut“, sagte er. René hat zwei erwachsene Kinder und keine Freundin. „Nur eine? Ne, ne. Da bin ich nicht so der Typ für. Ich leg mich nicht fest.“ Tatsächlich ging es in dem Interview viel um Partys, um gutes Essen und wenig Schlaf. „Vier Stunden muss ich schlafen am Tag. Das reicht dann aber auch.“ Ich habe auch ganz praktische Sachen gelernt. Zum Beispiel, dass eine halbe Stunde autogenes Training zwei Stunden Tiefschlaf ersetzt. René macht unterwegs autogenes Training, bevor er feiern geht.

Fast zwei Stunden hat der Interviewtermin am Ende gedauert. Was auch daran lag, dass René nicht wirklich aufhören wollte zu erzählen. „Ich werde gerne gefragt“, hat er noch gesagt – aber da hatte ich schon längst die letzte Frage auf dem Leitfaden abgehakt und das Aufnahmegerät abgestellt.

René war lustig – und erkenntnisreich. Aber es gibt natürlich auch die anstrengenden, zähen Interviews. Mit Menschen, die alles ganz genau erklären und sich dabei sehr wichtig vorkommen oder mit Menschen, die nur ganz kurz antworten und eigentlich viel mehr zu erzählen hätten. Eines haben aber alle Interviews gemeinsam: Sie sind nie langweilig.

Es hilft, den Menschen zuzuhören

Auch nach fast 40 geführten und/oder mitgehörten Interviews finde ich es immer noch erstaunlich, wie schön und interessant es ist, wildfremde Menschen kennenzulernen. Und wie bereitwillig sie von sich und ihrer Mediennutzung erzählen. Sich Zeit zu nehmen und den Menschen zuzuhören, hilft, sie zu verstehen. Das ist eine Plattitüde, möchte man meinen. Für mich ist es eine Erkenntnis. Seit fast 20 Jahren arbeite ich in Redaktionen. Über das, was Leser wollen, habe ich mich in der Regel mit Kolleginnen und Kollegen, mit meinen Vorgesetzten oder mit Freunden und Bekannten unterhalten. Manchmal hatte ich auch aktuelle Daten aus der Markforschung auf meinem Schreibtisch. Ich habe ziemlich viel über Leser gelesen und geredet. Aber sehr selten mit ihnen. Und noch nie so ausführlich wie jetzt. Es lohnt sich.

Wir im HHLab nutzen die vielen Interviews, um daraus Personas (Personae, für die Lateiner) zu bauen. Aus den Einstellungen, Haltungen, Nutzungsmustern und Zitaten der zahlreichen Menschen, die wir für das HHLab interviewt haben, entsteht in vier Arbeitsschritten – die ich beim nächsten Mal vorstelle – ein prototypischer Nutzer aus einem ganz bestimmten Milieu. Frankensteins Monster der Produktentwicklung sozusagen.

René wird jetzt Teil unserer hedonistischen Persona. Und sie wird dann so schöne Sachen sagen wie: „Ich habe nichts gegen sterben. Sterben ist ok. Ich habe dann ja 100 Jahre lang gelebt und Spaß gehabt.“

Party on, René!

 

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