Top

Mehr Mut zu Utopien!

Von Soenke Schierer.

Ein undurchführbar erscheinender Plan, eine Idee ohne reale Grundlage. Das ist die Duden-Definition für den Begriff Utopie. Doch was ist dabei der wichtigste Definitionsteil? Das Wort “erscheinend”! Eine Utopie ist nämlich keineswegs undurchführbar.

Es gibt aber ein Problem: Bei Utopien denken wir immer gleich an Orwell, More oder vielleicht Verne. Riesen Geschichten, bei denen immer auch etwas dystopisches eine Rolle spielt. Das schreckt ab. Leider! Denn weder der Umfang der Geschichten noch der Tenor sind entscheidend. Wichtig ist, dass da jemand eine Idee entwickelt, wie unsere Welt eines Tages aussehen könnte. Und das ist wichtig, denn es geht nicht darum, unser Dasein nur zu verwalten. Unsere Welt muss gestaltet werden. Und dafür braucht es Vorstellungen von der Zukunft. Utopien.

Wir sollten uns Gedanken machen, wie wir unsere Zeit auf diesem Planeten nutzen wollen, um ihn zu gestalten. Jeder hat nur ein Leben und trägt dabei Verantwortung für sich, für andere und für die nachfolgenden Generationen. Leider scheint es im Jahr 2018 mehr denn je so, als seien sich viele Menschen dieser Verantwortung nicht ganz bewusst. Übrigens eine wunderbare Utopie, dass sich das einmal ändern könnte. Scheinbar unmöglich. Aber eben nur scheinbar.

TECHtopia – eine Branche dient als Vorbild

Wir leben in einer durchtechnisierten und digitalisierten Welt. Nicht zuletzt, weil es in der Techbranche immer wieder Menschen mit Utopien gibt. Zum Glück. Am Ende ist es doch wie folgt: Wir Menschen können eigentlich fast alles erfinden. Technisch gesehen. Natürlich dauert es mal länger – mal geht es schneller. Aber der Fortschritt ist nahezu unaufhaltbar. Muss er aber ja auch nicht sein. Entscheidender ist – wie gehen wir damit um? Und bei genau solchen Entscheidungen helfen Utopien. Wie setzen wir den technischen Fortschritt ein? Wo setzen wir ihn vielleicht sogar bewusst aus? Denn es gilt zu bedenken: Die schlichte Weiterentwicklung bestehender Techniken ohne eine Idee für ein Ganzes lädt zu sehr zum Missbrauch ein. Genauso wie zur Verschwendung von Innovation.

Und bitte keine falsche Zurückhaltung bei der Verwendung des Utopie-Begriffs. Utopie meint keinesfalls zwingend allzu große Vorstellungen oder Ziele. Schon eine Idee zum Zusammenleben in der Nachbarschaft ohne Autoverkehr und Vorschläge zur Umsetzung innerhalb von zwei Jahren kann eine Utopie sein. Das Ziel wäre ein sicheres und gesünderes Umfeld für Kinder und Erwachsene. Die Mittel, die für die Umsetzung gebraucht werden, könnten technischer oder digitaler Natur sein. Was spricht dagegen es anzugehen?

Einfach mal philosophieren

Ein wichtiger Aspekt bei der Entwicklung von Utopien ist der Blick über den Tellerrand. Philosophie kann dabei helfen. Luca Carraciolo, Chefredakteur des t3n-Magazins, hat erst kürzlich diesen Aspekt aufgegriffen und ein sehr lesenswertes Plädoyer für mehr Geisteswissenschafter in der Tech-Branche geschrieben. Firefox-Entwickler haben gar, in Zusammenarbeit mit einigen wohltätigen Organisationen, einen Wettbewerb ins Leben gerufen, bei dem es darum geht Universitäten zu ermutigen, ethische Bildung in Informatikstudiengänge zu integrieren. Und nein – MINT ist nicht tot. Aber vielleicht muss das MINT-System überarbeitet werden. Philosophie als Nebenfach in der Informatik. Für viele Programmierer bestimmt ein utopischer Gedanke. Aber keinesfalls sinnlos oder unmöglich.

Wir leben in einer Zeit, in der, bei allen Problemen und gesellschaftlichen Entwicklungen, der Konsum dominiert. Bedeutet – vielen Menschen geht es gut. Das ist die beste Vorraussetzung, sich nicht nur mit sich selbst zu beschäftigen, sondern sich Gedanken zu machen, wie sich unsere Welt entwickeln soll. Und was ein jeder dazu beitragen kann. Auf den Punkt gebracht: Da draußen gibt es viel mehr Menschen, die die Voraussetzungen mitbringen, sich Utopien zu überlegen, als diejenigen, die es wirklich machen.

Philosophie als Schlüssel für erfolgreiche Utopien? Weitsicht kann zumindest helfen.

Dass das Zusammenleben in Zukunft durch den digitalen Fortschritt geprägt sein wird, ist wohl weniger utopisch. Viel zu groß ist das Potenzial unseren Alltag zu vereinfachen, Ressourcen zu schonen und Menschen zu verbinden. Wäre es nicht toll, wenn wir uns tatsächlich eines Tages in den Urlaub beamen könnten, anstatt Tonnen von Kerosin in die Atmosphäre zu pusten? Wäre es nicht schön, wenn wir den Menschen ihre Hände wiedergeben und die Dienste der Millionen Smartphones irgendwie anders übermitteln könnten. Was wäre das auch für ein Gewinn für Menschen mit Behinderungen.

Der Soziologe, Professor für Transformationsdesign und Direktor der Stiftung für Zukunftsfähigkeit „Futurzwei”, Harald Welzer hat gesagt: “Was schmerzlich fehlt, sind Visionen, konkrete Utopien, Aussichten wie man die Welt, die eigene Gesellschaft, das individuelle Leben so verändern kann, dass es zugleich lustvoller und weniger zerstörerisch gelebt werden kann, als es in der Gegenwart der Fall ist. Statt Apokalypse: Zukünftigkeit. Statt ohnmächtig machendem Lamento: Selbstermächtigung. Die Welt ist zum Verändern da, nicht zum Ertragen. Wenn sich das herumspricht, kommen auch wieder Zukunftsbilder in unsere Welt. “

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

No Comments
Add Comment
Name*
Email*
Website