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Innovation und Journalismus: Wer starr fragt, bleibt dumm

Von Barbara Maas.

Wir wollen den Menschen in den Mittelpunkt unserer Arbeit stellen – und das ist manchmal gar nicht so leicht. Als wir vor gut einem Jahr unsere Arbeit im HHLab aufgenommen haben, waren wir uns sofort einig, dass wir die Leute, ihre Probleme, Bedürfnisse und Wünsche besser verstehen müssen, um einen Journalismus zu entwickeln, der ihnen etwas bedeutet und einen Unterschied macht. “Wir”, das waren damals noch in großer Mehrheit Journalisten. (Inzwischen sind wir gewachsen, jeder einzelne von uns, aber auch an Menschen. Wer alles zu uns gehört, seht ihr hier.) Wir entwickelten einen Leitfaden, fanden Interviewpartner und trafen uns mit Menschen. Unsere Haltung: “Fragen – können wir!” Wir bewegten uns endlich mal auf festen Boden, wo doch alles andere in unseren neuen Jobs so ambivalent schwankte und wankte, wie es Neues gern tut. Das dachte ich. Jetzt weiß ich es besser.

Während des ersten Interviews merkte ich nichts, aber als wir uns später gemeinsam den Audio-Mitschnitt anhörten, fiel es mir auf: Ich stellte einige Male Suggestivfragen, gab Antwortmöglichkeiten vor. Und das, obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, ausschließlich offene Fragen zu stellen, niemanden in eine Form zu pressen und superachtsam zu sein. Es war ein Muster, das ich einfach abspulte, wenn ich nicht aufpasste.

Und ich war damit nicht allein. Meinen Kolleginnen und Kollegen passierte das auch. Hier drei Beispiele aus unserem Team und unterschiedlichen Interviews, in denen wir mehr über unsere Leser und Nichtleser herausfinden wollten:

Frage: Heißt das, wenn es einfacher wäre mit Podcasts, würden Sie wieder welche hören?
Antwort: Ja.

Frage: Aber Sie gehen wählen, weil Sie der Meinung sind, es ist eine Pflicht und die muss auch jeder wahrnehmen?
Antwort: Ja.

Frage: Wünschen Sie sich also mehr Teilhabe?
Antwort: Ja.

Wahrscheinlich hätte ich auch all diese Fragen bejaht, wenn man sie mir gestellt hätte. Wir reichten unbewusst – nicht immer, aber manchmal – in unseren Nutzer-Interviews den Leuten erwünschte Antworten auf einem Tablett. Wir fassten zusammen und strukturierten.

Und das ist etwas, das ich in meinem Berufsleben im Lokal- und Regionaljournalismus oft erfahren habe. Eine Geschichte im Kopf haben, den legendären “Küchenzuruf”, vielleicht sogar schon eine Überschrift und dann so lange und zugespitzt fragen, bis ein Zitatgeber etwas Passendes sagt. Antworten erhalten, die nicht zu kompliziert und nicht zu einfach sind, sondern genau richtig. Politiker und Institutionen herausfordern. Menschen, die nicht geschliffen reden, Worte in den Mund legen. Die “richtigen” Emotionen herauskitzeln, Kontroversen herausarbeiten. Die These untermauern und den Rest ausblenden.

Natürlich ist das nicht immer so. Aber die meisten Journalisten, die ich kenne, antizipieren meistens die Antworten der Menschen, mit denen sie reden. Ihre Neugier ist für einen bestimmten Zeitraum beschränkt auf ein bestimmtes Feld, nämlich das Feld ihrer Recherche. Sie fragen so lange, bis sie ihre Beute erhalten: “Zitate einfangen”, sollte ich als Volontärin. Das war lange effizient.

Im Design Thinking zum Beispiel läuft das – im besten Fall – anders. Wenn wir beobachten und erkunden, machen wir den Blick ganz weit, vertrauen dem Zufall. Wir wollen unser Gegenüber verstehen. Wir wollen nicht über die Person berichten, wir wollen nicht mit ihr streiten, sondern für sie eine Lösung finden. Wir graben deshalb nach persönlichen Geschichten, Erinnerungen, Gefühlen. Und vor allem nach Bedürfnissen und Problemen. Es geht nicht um Erwünschtes, sondern um das, was ist.

Fünf Mal soll man “Warum” fragen, heißt eine Regel für Design-Thinking-Interviews. Und wer das arg ritualisiert und symbolistisch findet, sollte das erst recht einmal im Alltag ausprobieren. Es ist für beide Seiten ziemlich herausfordernd. “Warum” ist ein sehr mächtiges Fragewort.

Für unsere “77 Dinge, die wir in einem Jahr über Innovation gelernt haben” habe ich diese Erfahrung so formuliert:

“Wir Journalisten haben gelernt Fragen zu stellen – im Zweifel hart und mit einer klaren Vorstellung davon, was wir herausfinden wollen. Wenn wir Menschen, ihre Motivationen und Bedürfnisse erkennen wollen, müssen wir genauso neugierig, aber doch ganz anders fragen: empathischer, achtsamer und unvoreingenommen.”

Ich finde, Journalisten können von nutzerzentrierten Methoden viel lernen. Denn Empathie, Achtsamkeit und vorbehaltlose, aufrichtige Neugier tun Kommunikation gut – sei sie nun ein privates Gespräch, eine teilöffentliche Diskussion in Sozialen Netzwerken oder eine gesellschaftliche Debatte.

Ich muss kurz ausholen, um zum Abschluss eine ganz große Schleife zu drehen: Seitdem der “Fall Relotius” den “Spiegel” in die Krise gestürzt hat, wird in der Medienbranche viel über die Art diskutiert, wie preisverdächtig Geschichten erzählt werden. Über erwünschte, aber eben nur ausgedachte „Wirklichkeiten“. Nur: Das Erzählen ist erst der zweite Schritt im journalistischen Prozess.Am Anfang steht die Recherche, oder viel einfacher gesagt: fragen und zuhören. Claas Relotius hat offenbar gar nicht erst versucht, zuzuhören. Das liegt jedenfalls nah, wenn man bei Medium den Bericht von zwei Bewohnern der Stadt Fergus Falls liest, über die Relotius eine Trumpwähler-Reportage schrieb. Die Masse an ausgedachten Personen, Orten und Situationen ist erschreckend. Interessant ist daneben aber auch die Beschreibung einer Begegnung mit dem Reporter:

„Being an outspoken advocate of rural issues and Fergus Falls, I tried to say “hi” to Relotius at a public meeting, only to be glanced at briefly and ignored because he was very preoccupied with taking a picture of an American flag at our city hall. Or maybe he just pretended not to hear me because I didn’t fit into his story.“

In der großen Relotius-Story rund um den Betrug an Verlag und Lesern ist das nur ein marginales Detail. Aber ich finde es trotzdem wichtig: Menschen möchten gesehen und gehört werden. Wollen wir nützlich sein, müssen wir ihnen zuhören.

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