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Foto: Schierer

Ein Jahr AMBIENT NEWS, ein Jahr in fremden Wohnzimmern

Von Soenke Schierer

Schade. AMBIENT NEWS ist vorbei. Es stimmt mich schon ein wenig traurig, weil ich gern an die vergangenen anderthalb Jahre zurück denke. Aber – unser Grundlagenforschungsprojekt AMBIENT NEWS ist offiziell beendet. Ein guter Zeitpunkt für eine ganz persönliche Bilanz. Aber immer schön der Reihe nach…


Das Internet der Dinge nutzen, um Menschen Nachrichten in die heimischen vier Wände zu bringen – das ist die Idee hinter AMBIENT NEWS. Ein Jahr lang haben wir Prototypen in Form einer Lampe, die online war, sowie einem dazugehörigen Display in Schleswig-Holstein getestet. Gibt es relevante News – färbt sich die Lampe ein. Das Ziel? Wir wollten herausfinden, was macht es mit den Menschen, wenn plötzlich die Wohnzimmer- oder Flurbeleuchtung der Nachrichtenübertragung dient.

 


Als mein Chef Joachim im Spätsommer 2017 erstmals von der Idee, das Internet der Dinge zu nutzen, um lokale Nachrichteninhalte direkt in Schleswig-Holsteins Haushalte zu “beamen” erzählt hat, war ich ein wenig verwirrt. Ich arbeitete damals noch in der Redaktion für shz.de und dachte: bitte was soll passieren? Ich konnte nicht so ganz folgen. Jetzt ist es aber so, dass ich oft, wenn ich erstmal nicht ganz verstehe worum es geht, besonders viel Interesse entwickle. So auch in diesem Fall. Es folgten mehrere Gespräche und zusätzlich hunderte Gedanken in meinem Kopf. Zeitgleich stieg in mir das Interesse, den Redaktionsalltag einfach mal komplett hinter mir zu lassen und mich auf etwas ganz Neues einzulassen.

Ich wechselte in die Forschung & Entwicklung und begann mich ausschließlich mit dem Thema AMBIENT NEWS zu beschäftigen. Schnell wurde klar – einer der wichtigsten Faktoren des Forschungsprojekts ist der Kontakt zu jedem einzelnen Mitglied unserer Testgruppe. Wir wollten unsere Nutzerinnen und Nutzer so gut es geht kennenlernen, sie von Beginn an nicht nur dabei sein lassen, sondern sie aktiv einbinden. Schließlich entwickeln wir Ideen für sie und nicht für uns.

 

Typische Szene für AMBIENT NEWS: Gespräche mit den Nutzern. (Foto: Schulz)

Typische Szene für AMBIENT NEWS: Gespräche mit den Nutzern. (Foto: Schulz)

 

Ich habe in zahlreichen Wohnzimmern gesessen und an noch mehr Küchentischen Kaffee getrunken und zum Teil stundenlange Gespräche geführt.

Mein stetiger Begleiter in den nächsten Monaten wurde das Schleswig-Holstein-Ticket der Bahn. Kilometer um Kilometer fuhr ich durch das Land – egal ob bei Sonne, Regen, Sturm oder Schneetreiben. Anfangs war ich durchaus skeptisch. Aber aus heutiger Sicht kann ich sagen, dass sich der Aufwand mehr als gelohnt hat!

Diese Herangehensweise kostet viel Zeit, Energie und manchmal auch Nerven. Aber nichts ist wertvoller, als Gespräche und Informationen, die wir bekommen, weil uns die Menschen vertrauen, weil wir ihnen zuhören und weil sie merken, dass wir gemeinsam mit ihnen arbeiten und nachdenken. Und weil sie Teil von etwas Neuem sein können.

 

Ob Schnee, Sonne oder Sturm – ich war viel unterwegs während AMBIENT NEWS. (Fotos: Schierer)

 

Besonders das Vertrauen ist ein unbeschreiblich hohes Gut. Vielleicht ist es das größte Kapital, das wir als regionales Medienhaus haben. Sätze wie “mit euch machen wir sowas gern – wenn Amazon oder Facebook kämen, würden wir nicht mal die Tür öffnen” hörte ich nicht nur einmal.

Mit all den Informationen aus den Gesprächen und aus Workshops, die wir mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern gemacht haben, haben wir Prototypen gebaut und in dreizehn Haushalten in Schleswig-Holstein getestet. Danach haben wir den Prototypen weiterentwickelt und wieder getestet. Dieses Mal in mehr als 60 Haushalten im ganzen Norden.

Heute wissen wir viel mehr über die Wirkung, die Alltagsgegenstände auf Menschen haben können, wenn man sie einsetzt, um Informationen zu vermitteln. Wir wissen viel mehr über weiße Flecken auf der Landkarte, wenn es um die Netzabdeckung geht. Wir kennen zahlreiche Besonderheiten, wenn es um die Unterschiede zwischen Ost- und Westküste, zwischen Grenzland zu Dänemark und Hamburger Speckgürtel beim Nachrichtenkonsum geht. All das fließt bereits in ein Folgeprojekt mit dem Namen Learning Content ein, dass bereits gestartet ist. Mehr dazu gibt es hier in unserem Blog. 

 

Zwei AMBIENT NEWS-Prototypen im Einsatz. (Fotos: Schierer/Virtel)

 

Viel wichtiger als all das ist aber – wir wissen, dass es da draußen ganz tolle, neugierige und aufgeschlossene Menschen gibt, die bereit sind, sich auf ganz neue Ideen einzulassen. Die teilhaben wollen an Entwicklungen, Digitalisierung und damit an der Gestaltung der Zukunft. Die bereit sind, sich uns anzuschließen, wenn wir neue Dinge ausprobieren wollen. Und die nicht mit dem Kopf schütteln, wenn wir ihnen eine Lampe in die heimischen vier Wände stellen, um darüber Informationen zu verbreiten. Und das macht uns Mut auf unserem Weg, den wir als Forschung- und Entwicklungslabor gehen wollen.

Und was bedeutet das für mich ganz persönlich? Ich habe Blut geleckt! Mittlerweile arbeite ich als Experte “User Data” in unserem Labor. Ich sitze also auch in Zukunft an den Küchentischen der Menschen und spreche mit ihnen über die Zukunft. Und ich freue mich sehr darauf. Auf jedes einzelne Gespräch.

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